Gedicht des Monats


Lied vorm Schlachthof

Die Zeit ist keine zahme Kuh,
vielmehr sind wir die Rinder,
sie lässt uns weiden, sieht uns zu,
Sei groß, Raum!
Und weise dem kleinen Stern
den Weg zu seinem bestimmten Ort –
wie du im Wald einen Baum
zu seinem Halt aus einem Kern
heraus leitest. Werde ein Hort
für Gelöste, ins Weiter Strebende,
in allem Unendlichem bleibt das Lebende.

Wir sind schon auf der Fahrt nach dort,
eh wir den Schlachthof ahnen,
das Leben ist ein Tiertransport,
auch wenn wir’s anders planen.

Die Zeit melkt uns,
nicht umgekehrt,
tarnen wir uns als Häschen,
als Schwein, als Huhn, als Schaf, als Pferd,
wir beißen doch ins Gräschen.

Drauf trinken wir ein Gläschen!



Kuh
Foto: Welf Ortbauer